Museum auf dem Sofa

Von Domreitern und Stadtrittern

Der Bamberger Reiter, klar, den kennt jeder: ein Mann, ein Pferd, berühmtestes Wahrzeichen der Stadt Bamberg. Und das ist doch auch der Typ vom Bamberger Stadtwappen, nur, dass er da kein Pferd hat, oder? Zwar besitzt der Typ vom Bamberger Stadtwappen tatsächlich auch ein Pferd, ansonsten hat er aber mit dem Bamberger Reiter nicht viel gemeinsam. Außer, dass sein Bild, genau wie das das Reiters, überall in Bamberg zu finden ist – auch auf vielen Objekten in den Museen der Stadt Bamberg.

 

Beim sogenannten Bamberger Stadtritter, der seit dem 13. Jahrhundert im Stadtsiegel geführt wird, handelt es sich um den Heiligen Georg. Er ist Schutzpatron vieler europäischer Städte und taucht auf einigen Stadtwappen auf, oftmals reitet er auf einem Pferd. Der Legende nach war er ein Ritter und hat eine Königstochter aus der Gewalt eines Drachen befreit, weshalb er häufig im Kampf mit dem Drachen dargestellt wird. Der Heilige Georg ist einer der Patrone des Bamberger Doms.

Schon im 13. Jahrhundert zu Fuß

Seinen Weg ins Bamberger Stadtwappen fand Georg im 13. Jahrhundert. In den Museen der Stadt Bamberg hat sich aus dieser Zeit ein Siegelstock erhalten (Abb. 1), auf dem das Wappen in seiner bis heute überlieferten Gestalt zu sehen ist: Georg wird als stehender Ritter dargestellt, in der rechten Hand hält er eine Kreuzesfahne, mit der Linken hält er ein Wappen vor sich. Auf dem Wappenschild ist ein Adler zu sehen, der als Wappenfigur der Grafen von Andechs-Meranien, die im 13. Jahrhundert zwei Bamberger Bischöfe stellten, gedeutet wird. In späteren, farbigen Darstellungen ist es ein silberner Adler auf blauem Grund.

Nicht ohne Konkurrenz

Im späten 14. Jahrhundert taucht im Stadtsiegel zwischenzeitlich die Halbfigur Kaiser Heinrichs II. auf. Zwischen 1420 und 1530 zeigen Wappenbücher das Hochstiftswappen mit dem Bamberger Löwen als Stadtwappen. Erst im beginnenden 17. Jahrhunderts setzt sich der Stadtritter als Stadtwappen endgültig durch. 1953 wurde das Wappen durch den Bamberger Stadtrat in der gegenwärtigen Form offiziell angenommen.

Stadtritter überall

Ein großes, plastisches Exemplar des Bamberger Stadtritters, der sogenannte Nagelritter, stammt aus dem Jahr 1915 (Abb. 2). Die überlebensgroße Skulptur wurde von der jüdischen Bürgerin Emma Hellmann für eine Nagelauktion zugunsten des 1. Weltkrieges gestiftet und am 23. 10. 1915 auf dem Maxplatz aufgestellt. Gegen Spenden konnten als patriotischer Akt eiserne (1 RM), versilberte (5 RM) und vergoldete (20 RM) Nägel eingeschlagen werden; der Erlös kam je zur Hälfte der Kriegsfürsorge und dem Roten Kreuz zugute.

Aber auch auf trivialere Objekte hat es der Ritter geschafft, wovon eine Geldschale der Bamberger Stadtsparkasse in den Beständen der Bamberger Museen zeugt (Abb. 3). Lange Jahre wurde das Stadtwappen als Stadtlogo verwendet. Diese Festanstellung in der Corporate Identity der Stadt Bamberg hat der Stadtritter aber 2001 verloren. Vielleicht wurde es ihm einfach zu viel. Übernommen hat seine Aufgabe ein alter Freund von ihm – der Bamberger Reiter (Abb. 4: Aktuelles Logo der Stadt). Seither ist der nun auf Briefköpfen, Hinweisschildern, Inventaraufklebern, zeitweise sogar auf Müllsäcken zu sehen. Nur die Stadtwerke werden weiterhin vom Stadtritter betreut.

Ungewisse Identität

Doch wer oder was ist nun der Bamberger Reiter? Was er ist, lässt sich schnell beantworten: Der Bamberger Reiter ist eine Reiterskulptur, die zwischen 1225 und 1237 entstanden ist und aus mehreren Sandsteinblöcken gefertigt und baulich fest mit dem Nordpfeiler des Ostchors im Bamberger Dom verbunden ist. Wer er ist, darüber haben sich Generationen von Wissenschaftlern den Kopf zerbrochen. Vorschläge gibt es viele, als am wahrscheinlichsten gilt heute der Heilige Stephan von Ungarn. Eines ist aber gewiss: der Heilige Georg ist er nicht. Denn der Bamberger Reiter ist kein einfacher Ritter, sondern ein richtiger König, er trägt eine königliche Krone.

Berühmt ist der Bamberger Reiter jedoch nicht (nur) wegen seiner ungeklärten Identität, sondern durch seine kunsthistorische Stellung. Er ist ein Hauptwerk der Plastik der späten Stauferzeit und gilt als älteste erhaltene, lebensechte, steinerne Reiterplastik nach der Antike.

Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten

Große Popularität erlangte der Reiter in den 1920er Jahren durch den Fotografen Walter Hege, der den Reiter mit fotografischen Mitteln inszenierte und heroisierte. Von den Nationalsozialisten wurde er zum Idealbild eines deutschen Mannes stilisiert und auf der Titelseite von Hans F. K. Günthers Rassenlehre des Deutschen Volkes und Paul Schultze-Naumburgs Die Kunst der Deutschen gezeigt.

Wenig verwunderlich ist es, dass das so aufgeladene Motiv des Bamberger Reiters in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrfach in den Werken von Bamberger Künstlern auftaucht, so etwa in Klaus Borowietz‘ Gemälde Nocturne (Abb. 5), wo sein Kopf in einer Art Collage neben Pilzen, Tierskeletten und anderen schaurigen Versatzstücken erscheint.

Populäres Wahrzeichen

Als allgemeines Bamberger Wahrzeichen erlangte der Bamberger Reiter nach dem Zweiten Weltkrieg seine Unschuld schnell zurück, seine Nazi-Vergangenheit war bald kein Thema mehr, wie ein Stadtplan aus der Zeit um 1960 zeigt (Abb. 6). Hier teilen sich unsere beiden Freunde übrigens ihre Aufgabe als Repräsentanten der Stadt.

Als populäres Wahrzeichen hat der Bamberger Reiter lange noch nicht ausgedient. Eine gute Figur macht er in Porzellan, wie bei diesem Exemplar, das der Bamberger Oberbürgermeister Herbert Lauer 2002 Bürgermeister Werner Hipelius für seine langjährige Tätigkeit als Stadtrat verlieh (Abb. 7). Er ist sich aber auch als Schokoladentrophäe der Bamberger Kurzfilmtage, als Playmobilfigur und Fruchtgummimitbringsel nicht zu schade.

Alle Klarheiten beseitigt

Besteht nun der Hauptunterschied zwischen unseren beiden Helden darin, dass man über den einen gar nichts und über den anderen alles weiß? Keineswegs! Denn der Heilige Georg ist alles andere als eine historische Persönlichkeit. Seine Identität setzt sich zusammen aus verschiedenen legendären Gestalten. Zwischenzeitlich wurde er sogar aus dem offiziellen Heiligenkalender der katholischen Kirche gestrichen, weil er historisch zu wenig greifbar war. Letztlich sind Stadtritter und Domreiter zwei Gestalten, die seit 800 Jahren mit unklaren Identitäten durch Bamberg geistern, und die trotzdem – oder gerade deshalb – aus der Stadt nicht wegzudenken sind.

 

 

9. April 2021