Museum auf dem Sofa

Kaffee und Porzellan

Viele Menschen im Homeoffice oder im gewohnten Büro halten sich an trüben Wintertagen mit Kaffee wach. Getrunken wird er aus der berühmt-berüchtigten, oft hässlichen, aber gewohnten Bürotasse, auf die niemand größere Aufmerksamkeit verwendet.

Wie wäre es, den Kaffee stattdessen aus einer feinen Porzellantasse zu genießen? Sich eine Pause gönnen und sich wieder einmal Gedanken über das meistgeliebte Getränk zu machen?

 

"Nicht für Kinder ist der Türkentrank." Über den Siegeszug eines Genussmittels

Wie so vieles Neue und Fremdländische hatte es auch der Kaffee nicht leicht, in Europa aufgenommen zu werden. „C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Kaffee! Nichts für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselman, der ihn nicht lassen kann!“ In diesen berühmten Kaffee-Kanon von Carl Gottlieb Hering haben einmal viele Menschen eingestimmt. Trotzdem trat der Kaffee einen Siegeszug sondergleichen an.

Der Kaffee wurde erstmals 1582 von Leonhard Rauwolf aus Augsburg in seiner Reise in die Morgenländer beschrieben. 1637 erreichte der erste Rohkaffee dann Europa und wurde ab 1660 in größeren Mengen über Marseille und Venedig eingeführt. Weitere Verbreitung erfuhr das Kaffeetrinken in Deutschland vor allem auch nach der Belagerung Wiens durch die Türken, die bei ihrem Abzug 1683 große Kaffeevorräte im Lager zurückgelassen hatten. Bei der Durchsicht der Kriegsbeute sollen die Europäer die Kaffeebohnen übrigens zunächst für Kamelfutter gehalten haben.

 

Bittere Medizin

Der Kaffee war jedoch durch seinen bitteren Geschmack zu Anfang nicht sehr beliebt und wurde ebenso wie der Tee als Medizin verabreicht. Dieser Umstand änderte sich, als der türkische Gesandte Soliman Aga am Hofe Ludwigs XIV. den Kaffee mit Zucker präsentieren ließ und damit zu einem wohlschmeckenden Getränk machte.

Kaffee wurde, wie auch die anderen Exoten Tee, Schokolade, Zucker und Tabak, ganz langsam zu einem neuen kulinarischen Statussymbol. Zunächst Prestigeobjekt aristokratischen Luxusstrebens, wandelte er sich zum weitverbreiteten, für jedermann gebräuchlichen Genussmittel.

 

Neue Mittelpunkte des geselligen Lebens

Die ersten Kaffeehäuser überhaupt, vielfach als „Schulen der Weisheit“ betrachtet, waren in Kairo um 1511 eröffnet worden. In Europa wurde das erste eigentliche Kaffeehaus 1647 in Venedig gegründet; ein Armenier eröffnete 1672 das erste Kaffeehaus in Paris; in Marseille, Rom, London, Hamburg und anderen großen Städten entstanden ähnliche Unternehmungen.

Dort nun begegneten sich Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und Geschlechts in einer neuen Atmosphäre der Öffentlichkeit. Philosophen, Journalisten, Schriftsteller, Menschen von Bildung und Welt kamen hier zusammen, um zu debattieren, Neuigkeiten und Ideen auszutauschen und die Welt zu verändern.

Für die Konversation, die man auf diesen gesellschaftlichen Zusammenkünften führte, waren alkoholische Getränke ungeeignet. Alkohol lähmt das Denken und benebelt die Sinne. Kaffee, Tee und Schokolade sah man als angemessene Nachmittagsbegleiter an: Die heißen Getränke machten wach und vermittelten einen Zustand des Behagens und Wohlbefindens.

Sie förderten die Entstehung einer neuen Art von Geselligkeit, an der erstmals Männer und Frauen gleichberechtigt teilnahmen. Das gepflegte Gespräch rückte in den Mittelpunkt.

 

Frauen und Kaffee

Die heißen Getränke kamen auch im privaten beziehungsweise halböffentlichen Bereich einem neuen Gesellschaftsstil entgegen: Dem Salon des 18. Jahrhunderts kommt eine bedeutende Rolle für die Emanzipation der Frau und ihrem Einfluss im öffentlichen Leben zu.

Hier konnten sie noch, wie es sich schickte, im häuslichen Bereich wirken, aber dennoch relativ frei und ungezwungen Gäste empfangen. Die steife Zwangsjacke der teueren und aufwendigen Abendessen fiel weg, man unterhielt sich einfach bei einer Tasse Kaffee, Tee oder Schokolade und das geistvolle Gespräch rückte in den Mittelpunkt. Unter der Regie gebildeter Frauen gewannen die Salons großen Einfluss auf das kulturelle und politische Leben. Die klassischen Literaturepochen in Frankreich und Deutschland sind undenkbar ohne die Salons, in denen immer gebildete, geistvolle Frauen den Ton angaben.

Das, was später in der bürgerlichen Welt zum zahmen und schließlich belächelten Kaffeekränzchen mutierte, begann als intellektueller und espritreicher elitärer Zirkel.

 

Neues Geschirr

Eine Epoche, die so viel Energie auf die Verfeinerung des Lebensstils aufwendete, war auch in der Lage, sich die Gefäße zu verschaffen, in denen die neuartigen Getränke zubereitet und aus denen sie getrunken wurden. Die modischen Genussmittel haben den gestalterischen Fähigkeiten anspruchsvolle Aufgaben gestellt. Die Verbreitung des Porzellans ist durch sie gefördert und seine Wieder-Erfindung in Europa vorangetrieben worden: Ihr Konsum brachte ein derartiges Bedürfnis nach Gebrauchsgeschirr aus Porzellan mit sich, dass es durch den Import von ostasiatischer Ware nicht befriedigt werden konnte. Auch neue Gefäßformen mussten her.

Kaffee-, Tee- oder Schokoladenkannen wurden in Europa anfangs nicht in der Form unterschieden. Erst nach der Entwicklung des Porzellans in Meißen schuf man Formen, die sich mit nur geringfügigen Abweichungen bis auf den heutigen Tag gehalten haben. Die Kaffeekanne ist eine europäische Erfindung, mit ihrer steilen, leicht bauchigen Form lehnte sie sich an die früher gebräuchlichen Weinkannen an.

 

Das Service

Bis ins 18. Jahrhundert war für den Adel an den Höfen Europas Geschirr nur aus Silber oder vergoldetem Silber denkbar: Reichtum und Ansehen ließen sich daran am besten ablesen.

Dann merkte man, dass das neue Material Porzellan erhebliche Vorteile bot: Es ist geschmacksneutral und säurebeständig, was es vor den Metallen auszeichnet. Zudem ist Porzellan selbst mit Stahl nicht ritzbar, so dass Messerklingen darauf keine Spuren hinterlassen. Die schlechte Wärmeleitung macht es für die neuen Modegetränke Kaffee, Tee und Schokolade besonders geeignet. Deswegen waren die ersten Service keine Speise- sondern Tee- und Kaffeeservice. Formen, Farben und Dekore wurden aufeinander abgestimmt und ergänzten sich zu einem harmonischen Ensemble: auf der Festtafel konnte man so ganz neue Akzente setzen.

 

25. Dezember 2020