Museum auf dem Sofa

Bilder von den Bildern – Eine Fotoaktion im Depot

Dass der Alltag hinter den Kulissen eines Museums vielfältig ist, haben Sie bereits erfahren. Kürzlich haben wir uns aber einer Aufgabe gestellt, die auch für uns nicht alltäglich ist: eine Teambildungsmaßnahme der etwas anderen Art. Doch eins nach dem anderen…

 

Warum brauchen wir jetzt Bilder?

Dank der Unterstützung der Ernst-von-Siemens Kunststiftung konnte dieses Jahr ein Spezialist beauftragt werden, der die wissenschaftliche Bearbeitung des Bestands niederländischer und flämischer Gemälde der Museen der Stadt Bamberg fertig stellt und so den entscheidenden Beitrag zur Vollendung eines schon lange bestehenden Projektes leistet: des ersten wissenschaftlichen Bestandskatalogs der Museen der Stadt Bamberg. Im Gegensatz zu einem Ausstellungskatalog, der nur die Objekte enthält, die in einer Ausstellung gezeigt werden, behandelt der Bestandskatalog alle Objekte einer bestimmten Werkgruppe – hier die niederländischen und flämischen Gemälde – die die Museen der Stadt Bamberg besitzen. Und das sind viel mehr, als in Dauer- oder Sonderausstellungen gezeigt werden können! Die meiste Arbeit steckt natürlich in den Texten. Aber ohne Bilder wäre der Katalog nicht nur eine traurige Bleiwüste, sondern könnte auch für wissenschaftliche Zwecke nur die Hälfte seines Potentials entfalten.

 

Und warum haben wir keine?

Wer jemals versucht hat, ein Gemälde zu fotografieren, ahnt, dass dies auch für einen professionellen Fotografen keine leichte Übung ist: Es ist stets verbunden mit zeitlichem, technischem und logistischem Aufwand. Selbstverständlich gibt es von jedem vollständig inventarisierten Museumsobjekt fotografische Aufnahmen. Diese sind aber teilweise Jahrzehnte alt, auch weil Fotografieren früher sehr teuer war. Fotos, die den Qualitätsstandards einer zeitgemäßen Print- oder Onlinepublikation entsprechen, entstehen meist nur anlassbezogen. Ein Großteil der Bilder ist deshalb noch nie in Farbe und digital fotografiert worden.

 

Vorbereitungen im Vorfeld: Wie geht man logistisch vor?

Dankenswerterweise haben uns Jürgen Schraudner, Fotograf des Stadtarchivs und sein Team bei dieser anspruchsvollen Aufgabe unterstützt. Da Gemälde äußerst ungern reisen, werden sie am liebsten dort fotografiert, wo sie sich befinden. Unsere Fotoaktion für den Niederländerkatalog fand deshalb im Depot statt, wo etwa 70 Gemälde für den Katalog fotografiert werden sollten. Dafür musste ein Raum im Depot kurzer Hand zum Fotostudio umfunktioniert werden. Am besten eignet sich dazu der Gemälderaum: Er bietet eine halbwegs ausreichende Freifläche für die Ausrüstung der Fotografen, einschließlich der zum Fotografieren benötigten Abstände für Kamera und Beleuchtung, und lässt sich leicht verdunkeln.

Das bedeutet aber zugleich, dass alle zu fotografierenden Gemälde im Vorfeld der Aktion von den 30 Gemäldezügen, wo sie normalerweise platzsparend verstaut sind, abgenommen und in anderen Depoträumen zwischengelagert werden mussten. Denn wenn die Fotograf*innen erstmal aufgebaut haben, lassen sich die Züge nicht mehr herausziehen.

Die Reihenfolge fürs Ausheben und später auch für die Fotoaufnahmen der Bilder richtete sich nach deren Größe, denn das erleichtert zum einen die Zwischenlagerung, zum anderen müssen die Fotograf*innen später seltener die Einstellungen ändern. Bevor wir also an die Züge gingen, haben wir Listen erstellt und diese „virtuell“ vorsortiert. Dann haben wir die Bilder – Stück für Stück – von ihren angestammten Plätzen genommen. Das geht oft nur zu zweit oder zu dritt.

 

Der große Tag ist da

Dann rücken die drei Fotograf*innen an, mit beeindruckender technischer Ausstattung: Kamera, Stative, Lichtzelte, Lampen und Computer. Denn ausgelöst wird bei solchen Aufnahmen nicht mehr wie früher an der Kamera, sondern am PC.

Als Bilderhalterung diente – ganz klassisch – eine hölzerne Staffelei. Ein bisschen präpariert werden musste sie aber noch, denn ihr Rand darf weder Schatten – für den Laien noch völlig verständlich – noch Licht – spätestens hier beginnt professionelle Fototechnik – auf die Leinwand werfen.

Die Arbeit im Hintergrund fordert alle verfügbaren Kräfte. Bevor die Bilder fotografiert werden, werden sie nämlich ausgerahmt. So wird erstens vermieden, dass der Rahmen einen Schatten auf das Gemälde wirft. Zweitens bietet das Ausrahmen eine wichtige Chance, auch Informationen zu sehen, an die man sonst nicht herankommt. So können sich sogar Bildsignaturen in einem Bereich befinden, der normalerweise vom Rahmen verdeckt wird! Die ausgerahmten Bilder werden neu vermessen, denn man erhält hier viel exaktere Maßangaben. Dann geht’s zum Fotografieren. Anschließen wird wieder eingerahmt und zwischengelagert. Vor allem das Aus- und Einrahmen erfordert eine Menge Platz und Konzentration. Manche Gemälde sind winzig, aber manche sind eben auch sperrig: Das größte Bild der Fotoaktion misst mit Rahmen immerhin 163 cm x 150 cm, das kleinste nur 7 cm x 11 cm.

Die Räume sind eng, die Objekte sind groß und schwer und alle müssen sowohl beim Transport als auch bei der Zwischenlagerung sehr, sehr vorsichtig behandelt werden: Man kann sie nicht mal eben irgendwo ablegen und man kann sie erst recht nicht stapeln. Sie müssen einzeln und mit Polstern versehen angelehnt werden. Deshalb sind zur Vorbereitung an Wand- und Schrankflächen im Depot Schaumstoffpolster ausgelegt worden.

Gott sei Dank läuft die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Stationen hervorragend. Denn ließe sich ein Team zu viel Zeit, würde sich ein Stau bilden und keiner könnte weiterarbeiten. Zu schnell sollte man aber auch nicht machen, denn dann könnte es passieren, dass Inventarnummern und Maße falsch zugeordnet werden, Rahmen nicht mehr zu ihren Bildern oder Bilder nicht mehr zu ihren Rahmen finden, oder dass ein Bild beim Fotografieren einfach vergessen wird.

Zur guten Konzentration und Zusammenarbeit trägt natürlich bei, dass die Direktorin zum Mittagessen eine ordentliche Brotzeit spendiert. Die muss allerdings draußen auf dem Parkplatz verzehrt werden, denn Essen im Depot ist streng verboten. Schließlich sollen auf gar keinen Fall Schädlinge angezogen werden. Das Wetter ist aber ohnehin herrlich, sodass alle gerne für eine Stunde die teils verdunkelten Räume verlassen.

 

Wie sich die Mühe jetzt schon auszahlt

Schon vor Erscheinen des gedruckten Kataloges hat sich die Fotoaktion als äußerst sinnvoll erwiesen: Durch die pandemiebedingten Reisebeschränkungen kann unser Katalogbearbeiter seltener nach Bamberg kommen – die hervorragenden Fotos ersetzen zwar niemals das Original, aber sie erleichtern die Arbeit aus der Ferne erheblich.

 

11. Dezember 2020