Museum auf dem Sofa

Bamberger Malerinnen

„Why have there been no great women artists?“ fragte Linda Nochlin vor genau fünfzig Jahren. Das war ein neuer Ansatz für die Betrachtung der Kunstgeschichte, ein Winkel, in den man noch kaum einen Blick geworfen hatte. Dass fast alle gefeierten Genies bis zur klassischen Moderne – erst im 20. Jahrhundert begann sich das Verhältnis ganz langsam zu verschieben – männliche Namen tragen, ist das Ergebnis gesellschaftlicher Verhältnisse und vor allem der Ausbildungswege. "Wie war das denn in Bamberg?" fragen wir heute zum "Internationalen Weltfrauentag" am 8. März 2021.

Eine Bamberger Malerfamilie ist das beste Beispiel dafür, dass Frauen im 18. Jahrhundert zwar auch eine Chance zur Aus- und Weiterbildung als Malerinnen hatten, aber doch nur, wenn sie aus Künstlerfamilien stammten. Die Malerfamilie Treu aus Bamberg, deren Mitglieder für verschiedene Fürstenhäuser Süddeutschlands tätig waren, ist einer der bedeutendsten Künstler-Clans Frankens. Schon die „Stammmutter“ Catharina Treu d. Ä (1714 - 1789) war die Tochter eines Malers und wohl selbst als Malerin ausgebildet. Ihr Vater Johann Georg Friedrich förderte ihr Talent, wohl nicht zuletzt, um sie in seiner Werkstatt einzusetzen. Sie heiratete 1734 den Galanteriewarenhändler Marquard Treu, den konvertierten Sohn des Bamberger Hofjuden Nathan. Er war begabt und hatte bereits als Kind Zeichenunterricht erhalten. Als er seine Profession vom Kaufmann zum Künstler wechselte, hat ihn seine Ehefrau vielleicht darin bestärkt und unterstützt, weil ihr das Metier von klein auf vertraut war und sie die beruflichen Beziehungen ihrer Verwandtschaft in die Ehe mit einbringen konnte. Von Catharina Treu d. Ä. kennen wir keine Gemälde; ob sie selbst künstlerisch tätig war, ist unbekannt. Sie und ihr Mann zogen aber fünf höchst begabte Kinder groß: zwei Buben und drei Mädchen. Wie alle Handwerkerkinder mussten die Treu-Kinder von klein auf in der väterlichen Werkstatt mithelfen und wurden vom Vater ausgebildet. War der Nachwuchs begabt, wie das bei allen fünf Treu-Kindern offenkundig der Fall war, dann war dies natürlich ein besonderer Glücksfall. Für den Erfolg der Familie war entscheidend, dass sich jedes Kind früh spezialisierte. Es konnte praktisch jede Geschmacksrichtung der Käufer durch ein Familienmitglied bedient werden, aber auch große Aufträge konnten angenommen und ausgeführt werden, für die man dann in Koproduktion arbeitete, wie dies für die Residenzschlösser in Bamberg oder Bruchsal nachweisbar ist: Nicolaus (1734-1786) war auf Porträts und Historienbilder spezialisiert, Christoph Joseph (1739-1799) schuf vor allem (Ideal-) Landschaften und Catharina d. J. (1743-1811) Stillleben.

Von Maria Anna, die Jagdbilder malte, und Rosalie (1741-1830), die für ihre Miniaturporträts bekannt war, wissen wir, dass sie wohl nur bis zur Heirat als Malerinnen tätig waren. Das entsprach dem gängigen Rollenverständnis. Vielleicht war ihre jüngste Schwester Catharina (1743–1811) deshalb sehr lange unverheiratet geblieben? Schon als Zehnjährige soll sie erstaunlich perfekt Insekten, Blumen und Früchte gemalt haben. Zusammen mit ihrem Bruder Christoph durfte sie dann sogar an der Düsseldorfer Akademie mit einem Stipendium des Speyerer Fürstbischofs Friedrich Christoph von Hutten studieren. Damit konnte sie auch mit eigenem Namen signieren, die Anonymität ihrer frühen Werke war vorbei. Noch bei den Aufträgen für die Residenzen Bamberg und Bruchsal waren die Töchter beteiligt gewesen, doch namentlich neben dem Vater und den Brüdern nicht genannt. Aus dieser namenlosen Mitarbeit arbeitete sich Catharina Treu d. J., deren Spezialität Stillleben in niederländischer Manier waren, eigenständig hervor. Im Jahre 1769 wurde sie schließlich belohnt und zur kurfürstlichen Kabinettmalerin in Mannheim berufen. Zu ihren prominentesten Kunden gehörten neben dem späteren bayerischen Kurfürsten Carl Theodor der Großherzog von Hessen-Darmstadt, die Markgräfin von Baden sowie der russische Zar Alexander I. Für Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim war sie in der Bamberger Residenz tätig. Ihre Bilder verkauften sich gut - bis nach Italien und England.
 

Erste Professorin europaweit

Ihre steile Karriere war außergewöhnlich. Carl Theodor ernennt sie 1776 als erste Frau in Europa zur Professorin an der Düsseldorfer Kunstakademie. Das war keineswegs, wie bisweilen vermutet wurde, ein reiner Ehrentitel, sondern mit einem Lehramt verbunden. Als ihr Dienstherr, Kurfürst Carl Theodor, im Jahr 1778 seine ständige Residenz nach München verlegte, blieb sie merkwürdigerweise in Mannheim, was ihrer Laufbahn jedoch offenbar nicht schadete. Erst 1781 – mit 38 Jahren in für damalige Verhältnisse ungewöhnlich reifem Alter – heiratete sie den Schwetzinger Hofbauern Jacob König. Sie war bereits 40 bzw. 41 Jahre alt, als sie zwei Töchtern - Franziska (*1783) und Elisabeth König (*1784) - das Leben schenkte. Als das zweite Kind unterwegs war, ließ sie sich schon wieder scheiden. Beide Mädchen bildete sie zu Malerinnen aus. Als die Töchter nach dem Tod ihrer dann verarmten Mutter 1811 in deren Heimatstadt Bamberg zurückkehrten, genoß der Name Catharina Treu noch immer einen hohen Ruf. Sie hatte einen für eine Frau außergewöhnlichen Weg in der Kunstwelt gemacht.

In Bamberg sind in der Residenz einige ihrer Supraporten erhalten; ein besonders prächtiges Stillleben hängt im Historischen Museums Bamberg neben anderen Werken von ihr, ihrem Vater und ihren Brüdern. Doch nicht nur Stillleben, die in der damaligen akademischen Hierarchie nicht die vornehmsten Aufgabe darstellten, sondern auch Landschaften, ein Seestück und mindestens ein religiöses Thema sind in ihrem Œuvre nachweisbar. Auch Historiengemälde – die als die höchste Gattung der Malerei in der damaligen Rangfolge galten - müsste es nach den Akademievorschriften von Catharina Treu gegeben haben, meint Gabriele M. Thoelken in ihrer 2020 veröffentlichen Doktorarbeit über Catharina Treu - doch es gibt bisher keinen einzigen Hinweis auf ein solches Gemälde.

Ein ironischer Beitrag zur Aufteilung der Genres unter den Geschlechtern ist die Gemeinschaftsarbeit, die Catharina und ihr Bruder Nicolaus signiert und 1771 datiert hatten. Es war zwar im Barock durchaus üblich, dass verschiedene Maler in einem gemeinsamen Werk zum Gelingen beitrugen, indem sie ihre besondere Kunstfertigkeit wie z. B. die Blumenmalerei, die Tiermalerei u. ä. einbrachten. In Wort und Bild aber mit leichter Ironie darauf hinzuweisen, war nicht alltäglich. Der private Charakter des Bildes wird deutlich, wenn man erfährt, dass es direkt aus dem Familienbesitz der Treus in die Sammlung des Neffen der beiden Künstler, des Domvikars Joseph Hemmerlein, und von dort in die Städtische Gemäldesammlung und damit ins Historische Museum Bamberg gelangte. Wahrscheinlich war es nur an den privatesten Kreis der Familie Treu, z. B. an die Schwester Maria Anna, die Mutter des letzten Besitzers „adressiert“. Nicolaus, der das Porträt der Schwester malte („effigiem pinxit“) und Catharina, die den Früchtekorb signierte, stellen sich hier sehr originell mit ihren Spezialarbeitsgebieten, den Genres Porträt und Stilleben vor und zeigen, zu welch gelungener Koproduktion sie hier (und anderswo?) fähig waren.