Museum auf dem Sofa

16. Februar 2021: Die große öffentliche Maskerade

Bamberg, J. B. Lachmüller, um 1837

Lithographie, koloriert

Inv. Nr. Gr 2361

 

In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts fanden in Bamberg mehrere Fastnachtsumzüge mit Maskeraden statt. Der opulente Bamberger Umzug von 1837 wird in 28 kolorierten Lithografien herausgebracht. Zu Pferd oder auf Wagen präsentiert sich neben verballhornten Regimentern, Schauspielern, Berufsständen, Tieren, exotisch gekleideten Ausländern, Harlekinen und Musikern auch der hier gezeigte „entsetzliche Wagen“, mit dem Zusatz „der Flickverein, ein Schwank auf die jetzige Zeit“.

Da wird man doch neugierig und schaut sich das Treiben genauer an. Ein vierspännig gezogener Wagen wird angeführt von einer Reiterin, die die Zügel in der Hand hält, hinter ihr ein Mann mit Peitsche und einem Korb am Arm. Auf dem Wagen selbst sitzen zwei Gruppen jeweils um einen weiß gedeckten Tisch herum, streng nach Geschlechtern getrennt und durch eine Stoffbahn voneinander abgeschirmt. Vorne die Damen, die Punsch trinken und Karten spielen, hinten die Herren, die Wolle spinnen, stricken, flicken oder sich der Säuglingspflege widmen.

Das Entsetzliche, wahrhaft Ungeheuerliche an dem Spektakel ist, dass die Frauen sich vergnügen und die Männer derweil arbeiten. Und nicht nur das, sie geben sich mit niedriger Frauenarbeit ab, meilenweit unter ihrer Würde, was durch ihre Berufskleidung als hohe Militärs und Intellektuelle besonders karikaturhaft wirken soll.

Fasching zeichnet sich ja durch den Rollentausch, die „verkehrte Welt“ aus. Die „natürliche Ordnung“ (oder das, was eine Gesellschaft dafür hält) wird auf den Kopf gestellt. Schon in der Antike wurden Standesunterschiede umgekehrt, die Diener zu Herrschern, die Herrschenden mussten für einen Tag lang dienen und sich unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagen lassen.

Interessant ist bei unserem Blatt weniger der Rollentausch, als der Titel „entsetzlicher Wagen“ und vor allem der Zusatz „ein Schwank auf die jetzige Zeit“: Man meint, einen ersten emanzipatorischen Windhauch zu spüren, der der männerdominierten Gesellschaft ins Gesicht weht, und der durch exzessives Lächerlichmachen im Keim erstickt werden soll.