Museum auf dem Sofa

Eine Herkulesaufgabe im Depot

Treue Freunde sind das Beste, was sich ein Museum wünschen kann. Diese schöne Erfahrung durften wir im doppelten Sinne machen.

 

Vier Schulfreunde des bereits 1988 tödlich verunglückten Künstlers Volker Hinniger haben sich nach einem Klassentreffen in Bamberg vor einigen Jahren entschlossen, den Museen der Stadt Bamberg ihre Unterstützung bei der Erfassung des Künstlernachlasses anzubieten. Damit wollten sie einerseits ihre Verbundenheit mit ihrem ehemaligen Freund und Klassenkameraden, zum Ausdruck bringen, zum anderen dem personell unterbesetzten Museumsteam tatkräftig bei einer wahren Herkulesarbeit zur Seite stehen.

Herkulesarbeit, weil der zu sichtende Nachlass von Volker Hinniger, allesamt Arbeiten auf Papier, weit über tausend Titel umfasst, wobei sich hinter manchen durchaus auch vielteilige Serien verbergen können. Die Blätter werden in Schränken und auf Rollen im Depot verwahrt, so, wie sie vor Jahren nach dem Tod von Gretel Hinniger, Volkers Mutter, aus ihrem Haus in Bamberg übernommen worden waren.

 

Eine neue Ordnung

Die vollgepackten Schubladen der Planschränke sind zwar verheißungsvoll beschriftet und auch ein Nachlassverzeichnis existiert, aber das stammt bereits von 1988, aus dem Todesjahr des Künstlers. Danach verkaufte und verschenkte seine Mutter immer wieder einzelne Werke, es wurde umsortiert, Blätter wurden für Ausstellungen ausgewählt und anderswo wieder einsortiert.

Die Aufgabe hieß also: Schubladen aufziehen, jedes Blatt vorsichtig entnehmen, nach der Nachlassnummer suchen, die mit zartem Bleistiftstrich darauf notiert sein musste, jeweils Vorder- und Rückseite und Nummer zusammen fotografieren, mit den Angaben im Verzeichnis vergleichen und mit einer Lage säurefreiem Seidenpapier wieder ordentlich im Schrank verstauen. Die Angaben werden in der Datei ergänzt und, nicht zu vergessen, Schrank-und Schubladennummer sorgfältig verzeichnet, damit jedes einzelne Blatt leicht wieder aufzufinden ist. In einem späteren Arbeitsgang können die Bilder nach Werkgruppen geordnet in die Inventarisierungsdatenbank des Museums aufgenommen werden.

 

Liebgewonnene Treffen

Auf diese Weise haben sich die „Hinniger-Freunde“, wie das Team im Museum genannt wird, in zwei mal zwei Tagen schon durch über 400 Blätter gearbeitet, mit Sorgfalt und Konzentration, mit Engagement und Spaß an der Arbeit. Dabei haben sie auch festgestellt, wie anspruchsvoll die tägliche Museumsarbeit ist – nichts, aber gar nichts geht flott! Doch sie machen weiter: in der ersehnten „Nach-Corona-Zeit“ ist der nächste Treff geplant.

Die Freunde ergänzten die praktische Arbeit durch viele Anekdoten aus ihrer gemeinsam mit Volker verbrachten Schulzeit, gaben Hinweise zur Persönlichkeit des Künstlers und hatten selbst auch Freude beim Betrachten der oft leuchtend farbigen, kraftvollen Werke.

Ziel der Aktion ist es auch, vielleicht einmal eine Sonderausstellung bei den Museen der Stadt Bamberg zu organisieren.

Wenn der Nachlass auch noch im Depot verwahrt wird, ist der Name Hinniger über Bamberg hinaus bekannt durch den Volker-Hinniger-Preis, der alle drei Jahre an junge Künstler verliehen wird. 2020 ging er an Stefanie Brehm, deren Ausstellung in der Stadtgalerie Villa Dessauer am 13. Dezember hätte eröffnet werden sollen. Hätte. Wir wissen, warum das nicht passieren konnte und hoffen darauf, dass aufgeschoben nicht aufgehoben bedeutet.

 

 

BIOGRAPHIE

Volker Hinniger (1947–1988)

Am 7. Mai 1947 als Sohn einer Glasbläserfamilie in Steinach im Thüringer Wald geboren

1952 Übersiedlung mit der Familie nach Bamberg

1953–1969 Besuch der Volksschule und des Gymnasiums in Bamberg

1969–1972 Studium an der Kunstakademie München bei den Hochschullehrern Thomas Zacharias, Friedhelm Klein, Heinrich Kirchner und Karl Fred Dahmen

1971 Ausstellung in der Neuen Münchner Galerie in München

1973 Staatsexamen an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel bei Prof. Reiner Kallhardt

1973–1979 Kunsterzieher an der Gesamtschule Kassel-Waldau

1977–1979 Ausstellungen in Kassel: „Skizzen“, „Skizzen, Porträts“, „Historienbilder“, „Hommage à Cassel“

1979–1984 Lehrtätigkeit an einer deutsch-griechischen Schule in Thessaloniki in Griechenland. Ausstellungen in Thessaloniki und Naussa, Makedonien: „Handzeichnungen“, „Neue Historienbilder“, „Bilder zur Griechischen Mythologie“, „Offenbarungen des Johannes“, „Bilder zu Gedichten von Konstantinos Kavafis“

1984 Rückkehr nach Kassel. Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit an der Gesamtschule Kassel-Waldau. Arbeit am Nibelungenzyklus

1984–1988 Beteiligung am Aufbau der Gesamtschule Offene Schule Kassel. Arbeit in der „Offenen Schule“ als Lehrer für Kunst und Polytechnik. Förderung künstlerischer Aktivitäten von Schülern im öffentlichen Raum

1986 Kulturamt Bayreuth Ausstellung „Die Nibelungen“

1987 Kunstverein Bamberg, Ausstellungen „Faust“ und „Opus Dei“

1986–1988 Ausstellungen in Kassel „Neuer Vorstoß zum Akt“, „Politikerporträts“, „Die Nibelungen“, Atelierausstellung „Dramatik des Alltags“

Am 12. August 1988 stirbt Volker Hinniger an den Folgen eines Unfalls auf der Halbinsel Chalkidiki Griechenland.