Digitales Museum

13. Oktober 2021: Kemari-Bälle

Anfang 20. Jahrhundert

Leder, vergoldet, versilbert

DM ca. 21 cm, Gestellbreite 45 cm

Inv.-Nr. 34/59

 

Gestern hat sich die deutsche Nationalelf vorzeitig für die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar qualifiziert. Wir gratulieren mit unserem Museumsobjekt der Woche: Zwei Bälle, wie aus einem Märchen: einer silbern, einer golden. Beide auf einem Gestell und merkwürdig verschnürt. Die Bälle stammen aus dem Kemari, einer fast ausgestorbenen frühen Form des Fußballs. Kemari ist über 1200 Jahre alt und in Europa weitgehend unbekannt. Auch in Japan ist es nahezu ausgestorben – eine Folge von Ver­änderungen in Gesellschaft und Kultur. Im Kemari – übersetzt etwa „Kickball“ – traten im Gegen­satz zum europäischen Fußball nicht etwa zwei Mannschaften gegeneinander an; eher könnte man es als ein elegantes Geschicklichkeits­spiel bezeichnen. Mit dem Fuß­spann und der Fußinnenseite wurde der Ball so lange wie möglich in der Luft gehalten. Es wird von einem Spiel aus dem Jahr 1683 berichtet, in dem der Ball ohne Unterbrechung von der Mannschaft 5158 mal gekickt wurde, ohne dass er zur Erde fiel. Dieses Spiel dürfte etwa drei bis vier Stunden gedauert haben. Zunächst durften nur die Adeligen Kemari erlernen, später auch die städtische Kaufmanns- und Händ­lerschicht. Mit der Öffnung zur westlichen Welt vergaß man das Spiel fast, woran auch die spätere nationalistische Rückbesinnung auf die alte Sportart nicht viel änderte. Das „echte“ Kemari wird von wenigen Enthusiasten gespielt und ist zur Touristen­attraktion geworden. Die erreichten Ball­sequenzen sind nicht mehr annähernd so hoch wie zu einer Zeit, als die Adeligen ihre gesamte Energie und Zeit auf das Training richten konnten.

 

Die Spieler stellten ihre Bälle selbst her, die Anfertigungsweise wurde ge­heim gehalten. Neben Hirschleder benötigte man Pferdeleder für den Umlaufriemen, Seetang als „Weichmacher“, Fett und Salz, um das Leder geschmeidig zu machen, und Getreidekörner zur Füllung während des Formens. Die Anfertigung dauerte drei bis vier Tage, die Lebensdauer eines Balles konnte erstaunlicherweise über zehn Jahre betragen.

 

Die Bälle stammen aus der viel zu selten gewürdigten Asiatica-Sammlung des Historischen Museums.  Zahlreicher als in mancher völkerkundlichen Sammlung Europas sind in Bamberg die Zeugnisse des altjapa­nischen Fußballspiels Kemari. Der Japanologe Friedrich M. Trautz (1877–1952), Leiter des Deutsch-Japanischen Forschungs­instituts in der alten Kaiserstadt Kyoto, hatte der Stadt Bamberg diese Raritäten vermacht.