Digitales Museum

Die Käseschachteln des Buchbinders Ignaz Müller aus Bamberg

Die Museumsarbeit bringt Überraschungen mit sich, auf die man nicht gefasst ist. Bei der Übernahme und vor dem Inventarisieren eines großen Bestandes überlegt man sich gut, was noch ausgesondert werden muss und was bleiben kann. Manchmal versteckt sich die Weltgeschichte in ein oder zwei Käseschachteln, die so zum Objekt der Woche werden und einen Blogeintrag verdienen.

 

Die Bamberger Buchbinderfamilie Müller

Viele ältere Bambergerinnen* geraten bei der Nennung des Namens „Eugen Müller“ ins Schwärmen. Mit leuchtenden Augen erzählen sie, wie sie als Kinder dort Drachenpapier, Bastelschnur und Glitzerstaub kauften oder sich Puppenmöbel aussuchen durften. Nicht zuletzt deshalb haben die Museen der Stadt Bamberg nach der Schließung des beliebten Ladens im Jahre 1996 den von den Studentinnen* der Heimat- und Volkskunde der Universität Bamberg in einer Hau-Ruck-Aktion „geretteten“ Sammlungsbestand angenommen. Unzählige Objekte aus Werkstatt und Laden der Buchbinderfamilie wurden in Kisten, Kartons und Zigarrenschachteln eingelagert und verblieben jahrelang in Wartestellung. Eine gründliche Inventarisierungsaktion unterblieb damals aus Zeitgründen. Im Jahr 2005 sichteten Studentinnen* der Europäischen Ethnologie (wie das Studienfach nun hieß) das Material partiell und erstellten unter Anleitung von Prof. Dr. Kerkhoff-Hader 2006 eine Sonderausstellung im Alten Rathaus. Die Ladeneinrichtung verblieb im Haus Kapuzinerstr. 10, bis heute wird sie im „Eine-Welt-Laden“ genutzt und geschätzt. Das „Eugen-Müller-Feeling“ hat sich hier tatsächlich ein bisschen erhalten.

Der 1958 neunzigjährig verstorbene Müller hatte 1888 eine Buchbinderwerkstatt mit Schreibwarenladen eingerichtet. "Wenn's kaaner hot, der Eugen Müller hot's", lautete ein Werbespruch. In der Kapuzinerstraße 10 wurden Bücher gebunden und Bilder gerahmt, es gab Pinsel und Farben, Schreib- und Zeichenpapiere und Bastelartikel. Ignaz und Franz waren wie ihr Vater Buchbinder geworden und in der Werkstatt und dem Laden tätig. Ignaz hatte am 2. April 1925 in Bayreuth seine Meisterprüfung abgelegt. Nach dem Tod des Seniorchefs 1958 wurde das Geschäft von seinen Söhnen weitergeführt.

 

Eine neue Heimat für die Objekte

Nach der Verlagerung in das Depot der Museen der Stadt Bamberg kamen die Objekte in ihren Schachteln zwar staubsicher und ordentlich in Stahlschränke, aber das zeitintensive Inventarisieren wurde immer wieder zurückgestellt. Es stellte sich im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung 2005/2006 heraus, dass die Überreste nicht mehr zur Rekonstruktion der gesamten Werkstatt oder des Ladens ausreichen würden. Denn während der eilig organisierten Ausräumaktion konnte kaum etwas dokumentiert oder ausreichend fotografisch begleitet werden.

Glücklicherweise konnte mit Unterstützung durch die Agentur für Arbeit eine sehr tüchtige Mitarbeiterin im Depot gewonnen werden, die es anpackte und die Kisten auspackte. Nach dem Auspacken wurden die Objekte alle gesichtet, gereinigt und die wichtigsten Randdaten in die Datenbank eingegeben.

Bei der notwendigen Prüfung, was von einem solchen Bestand alles aufhebenswert sein könnte, wurde alles nochmal gesichtet – es wurden stapelweise alte Zeitungen, die als Unterlagen oder für Papiermaschée aufbewahrt wurden oder kleine Holzklötzchen, die vielleicht als Abstandshalter dienten, weggeworfen. Ein Stapel Buchbinderzeitschriften fand Eingang in die Bestände der Staatsbibliothek, manche Papiere übernahm das Stadtarchiv.

 

Geschichten entdecken

Bei dieser Sichtung tauchten in ein und derselben Schachtel Objekte auf, bei denen man im ersten Moment eher an Entsorgen als an Aufheben dachte: Mappen mit getrockneten Gräsern, ein Päckchen sorgfältig verpackte Birkenrinde, abgelöste Etiketten von Fischdosen, Bieretiketten, Banderolen von finnischen Toilettenpapier sowie diverse Käseschachteln aus Norwegen, gefüllt mit Steinchen und endlich, in einer Käseschachtel, eine Militärerkennungsmarke (eine sogenannte Hundemarke), durch die wir den Zusammenhang aller dieser Objekte erklärbar machen können und sie als bewahrenswert inventarisiert haben.

Es wurde auch durch einige Schriftstücke klar, dass dies die Erinnerungsstücke eines Wehrmachtsoldaten sind, der 1941/1942 für Deutschland nach Finnland und Norwegen geschickt worden war. Der einstmalige Besitzer war nicht Eugen Müller, sondern dessen Sohn Ignaz Müller. Der deutsche Soldat Ignaz Müller war den Objekten nach zu schließen in Stettin auf ein Schiff nach Finnland gestiegen und hatte dort mit seiner Truppe, dem Landesschützen-Bataillon 809 als Verbündeter zuerst im Norden Finnlands, an der Grenze zu Russland gekämpft – oder in der Schreibstube gesessen (worauf die handgemalten Türschilder hindeuten). Später war Ignaz Müller in Norwegen. Die Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht dauerte von April 1940 bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945. Während dieser fünf Jahre waren in Norwegen deutsche Truppen stationiert. Das Landesschützen-Bataillon 809 wurde bei der Mobilmachung am 26. August 1939 in Bamberg gestellt (http://www.lexikon-der-wehrmacht.de). Am 22. April 1940 wurde das Bataillon aufgeteilt. Der Stab, die 1. und 2. Kompanie wurden zur Gruppe XXI nach Norwegen verlegt. Am 6. Juni 1941 wurden die ersten beiden Kompanien dem AOK Norwegen unterstellt. Von diesem wurden die beiden Kompanien bei der Befehlsstelle Finnland eingesetzt. 1945 war das Bataillon in Saetermon in Norwegen im Einsatz.

Ignaz Müller besuchte im Norden kulturelle Veranstaltungen (Fahrscheine und Eintrittskarten hob er auf), schrieb nach Hause (einige Postkarten sind erhalten), kaufte Papier und anderes (die Quittungen hob er auf). Die Versorgung der Truppe scheint nicht schlecht gewesen zu sein, wenn man die Etiketten der Fischdosen, der Bierflaschen und der Käseschachteln betrachtet. Vielleicht hat er aber auch in der Küche oder der Offiziersmesse mitgeholfen, wo er, der gelernte Buchbinder, die sehr bunten Papierschätze, die für jeden wertlos waren, wie ein Briefmarkensammler ablösen konnte. Er hob sie zeitlebens auf, sein Bruder Franz warf die Erinnerungskisten nicht weg. So können wir heute einen Blick in den Alltag eines Wehrmachtssoldaten werfen. Sicherlich könnte man noch mehr herausfinden, nur zu, das Material ist da.

 

2. Juli 2021