Allgemeine Informationen

Was für Manieren!

Das neue Schlagwort „social distancing“ ist in aller Munde. 1,50 m, besser 2 m Abstand voneinander halten, kein Handschlag zur Begrüßung, kein Bussi links, kein Bussi rechts mehr. Was vor einigen Monaten noch als unhöflich empfunden wurde, ist in der Coronakrise zur neuen Normalität geworden.

 

Manieren im Wandel

Schon immer gab es Veränderungen in der Bewertung, was gerade gute und was schlechte Manieren seien. Die Maßstäbe veränderten sich im Laufe der Zeit, aber wohl nie so rasant wie jetzt.

Blicken wir zum Beispiel auf die Tischmanieren, für die ganz besonders gilt: andere Zeiten, andere Sitten!

Tischmanieren wurden ja überhaupt erst beim gemeinsamen Essen notwendig. Gemeinsame Mahlzeiten gehören aber zu den wichtigsten Ritualen einer Gesellschaft. Dem Essen aus einer gemeinsamen Schüssel und dem Trinken aus einem gemeinsamen Krug kommt ein uralter, magischer Sinn zu. Der rundum kreisende Krug verbindet eine Mahlgemeinschaft zu einer Einheit. So war es jahrhundertelang Brauch, sich bei der Begrüßung einen Trunk zu teilen. Die Tischgesellschaft versicherte sich auf diese Weise ihrer Freundschaft, ihres Wohlwollens, ihrer guten Absichten. Der Trinkvorgang symbolisierte und garantierte Verbundenheit. Die Verweigerung des angebotenen Trunks kam einer Beleidigung gleich.

Zu den Grundmerkmalen der europäischen Zivilisation in der Neuzeit gehört jedoch die Individualisierung. Im Laufe der Zeit wurde das Bedürfnis nach Abgrenzung von den Tischnachbarn immer größer. Der Soziologe Norbert Elias stellte in seinem Hauptwerk „Über den Prozess der Zivilisation“ folgende Entwicklungsschritte fest:

Irgendwann empfanden die Menschen es als eklig, mit anderen aus einem Krug oder einer gemeinsamen Schüssel zu essen. Der Ekelfaktor hatte entscheidenden Einfluss bei der Entstehung von neuen Regelwerken. Irgendwann bekam jeder sein eigenes Trinkglas, seinen eigenen Teller, sein eigenes Besteck.

Zuerst wird die Suppe oft getrunken, sei es aus dem gemeinsamen Napf oder aus Kellen, die mehrere benutzen.

Dann wird vorgeschrieben, sich des Löffels zu bedienen.

Dann wird es Brauch, jedem Tischgenossen seinen eigenen Löffel zu geben. Später isst man die Suppe nicht mehr aus der gemeinsamen Schüssel, sondern nimmt sich daraus auf den eigenen Teller, und zwar zunächst mit dem eigenen Löffel.

Aber es gibt sogar Leute, die so delikat sind, dass sie nicht aus einer Schüssel essen wollen, in die andere ihren schon gebrauchten Löffel getaucht haben. Es wird deswegen nötig, seinen Löffel, bevor man ihn in die Schüssel taucht, mit der Serviette abzuwischen.

Und manchen Leuten genügt selbst das nicht mehr. Dort darf man den einmal gebrauchten Löffel überhaupt nicht mehr in die gemeinsame Schüssel tauchen, sondern muss sich einen neuen dafür geben lassen.

Bei diesen Regeln kam es also grundsätzlich auf Hygiene an, zum anderen darauf, sozialverträglich zu sein.

Entgegen der heute verbreiteten Ansicht, dass früher die Menschen grundsätzlich „wasserscheu“ waren, war auch immer das Händewaschen vor dem Essen wichtig. Oft wurde es von den Tischgästen gemeinsam vollzogen, so dass klar war, dass alle mit sauberen Händen erschienen. Das war umso wichtiger, solange es Brauch war, mit den Fingern zu essen! Allerdings beschränkte sich das Händewaschen auf ein Benetzen mit Wasser. Seife kam dabei nicht ins Spiel.

 

Ein Tischwaschbecken als Kunstwerk

Ein sehr kostbares und sehr seltenes Tischwaschbecken beherbergt die Sammlung Ludwig. Bei der Gestaltung des Tischwaschbeckens hat man die Muschel zum Leitmotiv gemacht. Sie ist an drei Stellen, als Wasserbehälter an der Spitze, als Zwischenglied zwischen Ober- und Mittelteil und als eigentliches Waschbecken am Fuß, verwendet worden.

In die obere Muschel, die Neptun auf seinen Schultern trägt, wurde frisches, vielleicht sogar parfümiertes Wasser gegossen. Der Meeresgott steht auf einem Delfin, aus dessen geöffnetem Maul dann das Wasser quoll. Daran benetzte man sich die Hände. Darunter knien Satyrn und stützen den Aufsatz. Das herabrinnende Wasser wurde in der muschelförmigen Schale gesammelt, die innen mit farbigen, figürlichen Chinoiserien bemalt ist. Die drei Teile werden durch Montierungen aus vergoldeter Bronze zusammengehalten. Fluss- oder Meeresgötter, Quellnymphen, Schiffe, Delphine und anderes Seegetier verbildlichen das Thema Wasser, das immer auch symbolisch für den Lebensquell im Paradies stand. Komplett erhaltene, dreiteilige Exemplare der Tischfontäne sind außerordentlich selten.

15. Mai 2020