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Skulpturen, Bienen und (vorerst) kein Knöterich mehr!

Während die Freude über die Wiederkehr der Besucher in unseren Museen groß ist, ist ein Besucher im Umfeld eines unserer Häuser unerwünscht: der Japanische Staudenknöterich im Garten der Villa Dessauer. Dieser Neophyt verdrängt nicht nur die heimische Flora, sondern verstellt mit einem Wachstum von bis zu 30 cm am Tag auch die Sicht auf die im Garten beheimateten Skulpturen.

 

Museumsarbeit ist eine sehr vielfältige Aufgabe. Manchmal braucht es dafür nicht weiße Handschuhe und Lupe, sondern Gartenhandschuhe und Gartenschere, denn der Knöterich, unbeliebtes Unkraut in vielen europäischen Gärten, hat keinerlei Respekt vor der Kunst. Im 19. Jahrhundert wurde die eigentlich im ostasiatischen Raum beheimatete Pflanze als Zier- und Futterpflanze nach Europa gebracht. Mangels natürlicher Konkurrenz breitet sich das Gewächs über Gebühr in vielen öffentlichen und privaten Gärten aus. Zwei unermüdliche Volontärinnen sind dem Knöterich nun zu Leibe gerückt. Besonders profitieren davon die Skulpturen, die im Laufe der Jahre von den Museen der Stadt Bamberg angekauft worden sind und die nun einen kleinen „Skulpturengarten“ bilden.

Seit 1987 dient die Villa Dessauer den Museen der Stadt Bamberg als Ausstellungsort, vor allem für zeitgenössische Kunst, im selben Jahr begann kaufte ihr damaliger Direktor Lothar Hennig die erste Skulptur an: Die 1982 entstandene „Kreisscheibe mit kristallinischer Form“ des Bamberger Bildhauers Hanns Bail (1921-1995). Die Arbeit aus weißem Carrara-Marmor, die am Wegesrand auf einer schlanken schwarzen Stele präsentiert wird, gehört in eine Werkgruppe des Künstlers, die ab Mitte der 1970er Jahre in äußerster Abgeschiedenheit entstanden ist. Der eigentlichen Ausführung der Werke ist ein langer und präziser Entwurfs- und Planungsprozess vorausgegangen. Dasselbe gilt für Bails kleineren „Kubus mit Halbkugel“ (1987) auf der gegenüber liegenden Seite und seine „Marmorkugel mit Einschnitten“ (1991), die auf einem niedrigen Sockel den Zielpunkt des Gartenwegs markiert. Allen drei Arbeiten ist gemein, dass sie aufgebrochene geometrische Formen zeigen, Ergebnisse einer intensiven Suche nach vollendeten Formen jenseits der Darstellung oder Abstraktion konkreter Gegenstände aber durchaus inspiriert von Phänomenen der Natur. Die „Stele“ aus dunklem Marmor von 1980 ergänzt die Auswahl der Bail’schen Skulpturen.

Mitten auf dem Gartenweg steht die turmartige Skulptur „QJ ∞“ von Bernd Wagenhäuser (geb. 1953), die 1993 entstand, 1994 in der Villa Dessauer ausgestellt und 1995 von den Museen der Stadt Bamberg angekauft wurde. Viele Bamberger kennen den Künstler wohl vom Skulpturenpark an der Regnitz, wo gleich 24 Großplastiken von ihm gezeigt werden. Wie die meisten dieser Werke ist auch die Skulptur im Garten der Villa Dessauer aus Cor-Ten Stahl, einem Material, das eigentlich für den Industriebau entwickelt wurde, von Bildhauern aber wegen seiner interessanten Patina sehr geschätzt wird. Wagenhäuser schweißt seine Skulpturen aus Blechen zusammen, sodass scharfe Kanten entstehen. Der Prozess der Formfindung findet allerdings schon vor dem eigentlichen Werkprozess auf dem Reißbrett statt. Auf die Form übt der Bildhauer so die größtmögliche Kontrolle aus, die Oberfläche gibt er dagegen der natürlichen Verwitterung preis.

Von der Natur inspiriert ist die „Meeresfrucht“ der Bildhauerin Rosa Brunner (geb. 1964). Sie wurde 2002 nach einer Ausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstler angekauft und ergänzt seitdem den Skulpturengarten. Die Travertinskulptur bildet in Übergröße die Schale eines Seeigels nach. Wie das „Original“ liegt sie ohne Sockel direkt auf dem Boden. Bei Regen sammelt sich Wasser darin.

Bodennah und erdverbunden zeigen sich auch die beiden „Liegenden“ von Reinhard Klesse (1932-2014). Bereits 1987 waren sie im Historischen Museum Bamberg ausgestellt, damals bei einer Ausstellung in der Residenz, und wurden anschließend und im Garten der Villa Dessauer aufgestellt. Aus für die Region Bamberg typischen Sandstein schält der Bildhauer liegende Frauenfiguren heraus. Die Schwere des Materials und der Werkprozess bleiben dabei sichtbar. Die Figuren sind torsiert, haben also keine Köpfe und abgeschnittene Gliedmaßen. Ihr Ausdruck entsteht nicht durch Gesicht und Gestik sondern allein durch die Körperhaltung. – Dieses bildhauerische Mittel entdeckte schon Michelangelo, später hat sich vor allem Auguste Rodin intensiv damit auseinander gesetzt. Klesse nutzt es, um sein zentrales künstlerisches Thema ins Bild zu setzten: den Menschen.

Für Lebendigkeit neben Stein und Stahl sorgen die im Garten lebenden Bienen. Seit Februar 2013 ist Dr. Regina Hanemann, Direktorin der Städtischen Museen, Bienenpatin der Initiative Bienen-leben-in-Bamberg.de. Die Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Situation der Honigbiene im Kulturraum Bamberg zu verbessern. Die Patenschaft geht mit der Aufstellung einer Bienenbeute im Garten der Villa Dessauer einher; so ist die Luft im Garten erfüllt vom Summen und Brummen der emsigen Arbeiterinnen. Damit sie bei schlechtem Wetter nicht so weit fliegen müssen, bleiben die Blumen auf den Rasenflächen von den Scheren der Volontärinnen verschont. Und im nächsten Jahr wird auch der Knöterich wieder da sein, denn vernichten lässt er sich ohne den Einsatz von Gift oder anderer drastischer Maßnahmen kaum.

 

15. Juni 2020