Allgemeine Informationen

Rätselhafte Deckenbemalungen in der Alten Hofhaltung

Der „Katzenraum“ im Historischen Museum

Die Alte Hofhaltung auf dem Domberg, in der sich heute das Historische Museum befindet, beherbergte bis 1802 Wohn- und Wirtschaftsgebäude der fürstbischöflichen Hofhaltung. Nach der Säkularisation wurden die Gebäude von den regierenden Wittelsbachern genutzt und Wohneinheiten eingebaut. Als bayerisches Staatseigentum nach 1918 verwaltete die neugegründete Schlösserverwaltung die Räumlichkeiten und vermietete sie u.a. an Vereine. Einer dieser Vereine hat sich mit kuriosen Decken- und Wandmalereien verewigt. Besucherinnen und Besucher staunen oft über die seltsamen bunten Wappen, Blumen, grünen Rankenmuster und Zwerge mit langen Bärten, mit denen das Gewölbe der ehemaligen Gesindeküche (R. 27) bedeckt ist. Hinter einer eisernen Tür ist ein Harlekin mit herausgestreckter Zunge verborgen, der die Neugierigen zurechtweist: „Hä, warüm gukst rei?“ Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Museen heißt er scherzhaft einfach „Katzenraum“, denn mitten zwischen die Blattornamente wurde – seltsam unproportional – eine schwarze Katze gesetzt.

 

Der „Deutsche Marienritterorden“

So merkwürdig die fantasievolle Deckendekoration anmutet, es ist kein Geheimnis, wer sie hinterlassen hat: Es handelte sich um den „Deutschen Marienritterorden“, der 1923 in Bamberg gegründet wurde. Die Wappen an den Wänden geben Auskunft über die Gründungsmitglieder: „die zwo Vörstel“ (der Dekorationsmalermeister Johann Förstel und sein Sohn), „Pfaw“ (Fritz Pfau), „Dros“ (der Anwalt und erste Ordensgroßmeister Philipp Dros), „Heym“ (der Lehrer Johannes Heim), „von Kleist“ (Theologieprofessor Freiherr Ewald von Kleist) u.a. Sie entwarfen für sich fantasievolle Wappenembleme und ließen sie von Förstel an die Wand malen. Die lustigen Zeichnungen erwecken den Eindruck einer trinkfreudigen Herrenrunde, die in der Alten Hofhaltung ab und zu Mittelalter gespielt hat. Dies trifft jedoch nur halb zu. Zwar lehnte sich der Orden an mittelalterliche Marienorden an und pflegte (pseudo)mittelalterliche Bräuche. Doch die Ziele, die die Marienritter verfolgten, waren bitterernst: Ihnen ging es um die Aufrechterhaltung katholischer Werte, die Wiedererrichtung der Monarchie unter christlichen Vorzeichen und die Erhaltung „deutschen“ Brauchtums. Der Hauptsitz war ab 1925 die Alte Hofhaltung, genannt „Hochburg St. Heinrich“, denn Kaiser Heinrich II. galt als idealer christlicher Politiker und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das bis 1806 bestanden hatte, als ideale Gesellschaftsordnung.

 

Aufbau und Ziel des Ordens

An oberster Stelle stand der „Großmeister“ – von 1925−1930 Johannes Heim –, für Glaubens- und Sittenfragen war der „Erzkaplan“ zuständig. Landes- und Ortsgruppen („Ordensburgen“), z.B. in Kronach, Zeil, Haßfurt u.a., wurden von „Land-“, „Gau-“ und „Burggrafen“ geleitet. Die Mitglieder waren stark hierarchisch eingeteilt, in Pagen, Knappen, Junker und Ritter. Die Orientierung am Mittelalter entsprang dabei nicht allein rein romantischen Vorstellungen. Seit dem 19. Jahrhundert sehnte man sich nach der Vereinigung der deutschen Territorien, der Abschüttlung der französischen „Fremdherrschaft“, die sowohl die höfische Kultur als auch Napoleon über Europa gebracht hätten und der Wiederbelebung der reinen „altdeutschen“ Kultur. Das Mittelalter galt dabei als die einzige Epoche, in der unter der starken Hand eines römisch-deutschen Kaisers Einigkeit im (katholischen) Glauben, in der Sprache und Kultur geherrscht habe. Diese Vorstellungen wurden vom Kulturkampf der 1870er Jahre noch genährt: dem Konflikt zwischen den Ultramontanen – dem romtreuen politischen Katholizismus nördlich der Alpen – und dem preußisch geprägten Kaiserreich unter Bismarck. Der Marienritterorden forderte deshalb absoluten Gehorsam gegenüber dem Papst und seinen Vertretern, ein frommes, sittliches Leben, das sich nach Gebeten und Exerzitien richtete. Vor allem für die jugendlichen Mitglieder wurden Wanderungen, Turn- und Wehrsportübungen veranstaltet und „Übergangsriten“ wie der „Ritterschlag“, die „Junkeradelung“ oder die „Pagengürtung“ gefeiert. Neben Ordensversammlungen wie der „Generalkapitel“ traf man sich regelmäßig zum „Pflichtthing“, bei dem Vorträge gehalten wurden.

 

Historischer Hintergrund

Solche Orden und Vereinigungen waren in den 1920er Jahren nichts Ungewöhnliches. Die Situation nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Menschen zutiefst verunsichert: Man bedauerte den „Schandfrieden von Versailles“, litt unter ökonomischen Unsicherheiten und in Folge dessen radikalisierten sich die Positionen auf der rechten und linken Seite des politischen Spektrums. Monarchisten, Konservative und Nicht-Republikaner sammelten sich in Wehrbünden und „Vaterländischen Verbänden“. Es einte sie die Ablehnung der Weimarer Republik, die nationalistische Gesinnung und eine Vorliebe für paramilitärisches Auftreten. Die katholische Kirche und die Zentrumspartei kritisierten diese Vereine zwar, doch auch sie fürchteten sich vor einer Übermacht der Protestanten und der Vermischung der Konfessionen. Die Trennung von Kirche und Staat sowie die Vorstellung, Religion sei die Privatsache jedes Einzelnen, lehnten sie ebenso ab. Um vor allem jungen katholischen Männern eine Alternative zu bieten, gründeten sich in den 1920er Jahren Gegenverbünde. Diese hatten zum Ziel, die eigenen Schäfchen wieder in die geordneten Bahnen eines strengen Katholizismus zurückzuführen und dabei für eine Neuordnung der Verhältnisse zu kämpfen, die unter vaterländischen, monarchistischen, anti-bolschewistischen und spirituellen Vorzeichen stehen sollten. Der Gründungskreis des „Deutschen Marienritterordens“ glaubte sogar an das direkte Eingreifen Gottes durch Marienerscheinungen sowie Offenbarungen und Prophezeiungen.

 

Der Orden in den 1930er Jahren

Dass sich der Orden ab Mitte der 1920er Jahre dauerhaft in der Alten Hofhaltung einrichtete, ist auch an Bauakten von 1926 zu sehen. Darin wurde der Bau einer „Abortanlage“ – also einer Toilette – beantragt, mit dazugehörigem Anschluss an die Kanalisation. Der Antrag ist unterschrieben von Johann Förstel und Johannes Heim und trägt den Wappen-Stempel der neuen Vereinigung: ein Schild mit Krone und Flammenschwert.

Von Seiten der Politik, aber auch teilweise der katholischen Kirche gab es Bedenken gegenüber den Marienrittern. Allerdings bewegte sich die Mitgliederzahl nie über 1000 Personen hinaus. Die Nationalsozialisten beobachteten den Orden ab 1933 kritisch. Bereits 1933 war die Jugendorganisation in der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel aufgegangen. In den 1930er Jahren wurde Friedrich Christian von Sachsen, der zweitälteste Sohn des letzten sächsischen Königs Friedrich August III., zum Großmeister ernannt. Doch schon 1937 verlegte er seinen Wohnsitz zurück nach Dresden. Zwei Jahre später – nur sieben Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – wurde der Orden verboten.

 

Wiedererrichtung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Krieg versuchte der erste ehemalige Großmeister Johannes Heim, die Marienritter wiederzubeleben. 1947 wurde der Orden als gemeinnütziger Verein neugegründet. Er schrumpfte jedoch im Laufe der folgenden Jahrzehnte und hatte zu Beginn der 1990er Jahre noch lediglich 50 Mitglieder. Mit der neuen Satzung von 1993 setzte sich die Vereinigung zusätzliche Ziele: die Förderung der Wissenschaften, der Ökumene und humanitärer Werte sowie die Unterstützung Notleidender. Inwieweit er heute noch besteht, ist unbekannt. Doch die nunmehr beinahe 100 Jahre alten seltsamen Deckenbemalungen in der Alten Hofhaltung erinnern nach wie vor an die extremen politischen und religiösen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts. Auch die merkwürdige kleine Katze sowie der freche Harlekin geben uns weiterhin Rätsel auf.

 

24. April 2020