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Eine geheimnisvolle Villa im Herzen der Stadt

Manchmal fragt man sich, welche Geschichten würden die kühlen alten Mauern erzählen? Was haben sie im Laufe der Zeit erlebt? Welche Schicksalsschläge oder Freuden bekamen sie mit? Anstelle des einstigen Glanzes sehen wir heute nur noch die alten Gebäude, denen teilweise der Verfall droht oder die aufwendig gepflegt werden müssen. Auch unsere drei Häuser (Alte Hofhaltung, Altes Rathaus und Villa Dessauer) gehören zu den mystischen Orten. Sie verbergen nicht nur in ihrem Inneren diverse Schätze, sondern sind selbst Kostbarkeiten. Die Villa Dessauer beispielsweise, die nur zu Sonderausstellungen geöffnet ist, ist sowohl von außen als auch von innen ein Kunstwerk für sich und präsentiert sich als Zeugnis eines großbürgerlichen Wohnhauses in der Gründerzeit.

 

Entstehung eines Prachthauses, wechselnde Besitzer und schicksalhafte Zeiten

Die Villa Dessauer ist benannt nach ihrem Bauherrn, dem jüdischen Hopfenhändler Carl Emanuel Dessauer (1844-1908). Dieser gab 1883 das Wohnhaus in der Hainstraße 4a beim Hannoveraner Architekten Friedrich Geb (1847-1927) in Auftrag. 1884 begannen die Bauarbeiten und sowohl die Außen- als auch die Innenarchitektur wurden kunstvoll ebenfalls von Hannoveranern Handwerkern gestaltet. Schon 1885 konnte Dessauer mit seiner Frau Babette (1849-1931) und den Bediensteten in die Villa einziehen. In den folgenden Jahren wurde das Haus eines der Glanzpunkte des gesellschaftlichen Lebens der Stadt.

Carl Emanuel Dessauer verkaufte die Villa ein Jahr vor seinem Tod an den Freiherrn Eugen von Seefried auf Buttenheim und um 1920 wurde die Schuhfabrik Gebrüder Neuburger neuer Besitzer. Der jüdische Fabrikant Max Pretzfelder erwarb ca. 1930 das Haus. In den folgenden Jahren nahm das Schicksal seinen Lauf. Pretzfelder wurde 1941 mit seiner Ehefrau Lilly von den Nationalsozialisten enteignet, deportiert und schließlich in Riga ermordet. Ab diesem Zeitpunkt war die Villa als Judenhaus eine Sammelstelle für jüdische Gemeindemitgliederinnen und Gemeindemitglieder der Stadt und des Landkreises Bamberg, bevor diese in die Konzentrations- oder Vernichtungslager gebracht wurden. Man mag sich nicht vorstellen, welche Szenen sich dort abgespielt haben. Schließlich übernahm 1943 die deutsche Wehrmacht das Gebäude, welches aber zwei Jahre später vom amerikanischen Militär eingenommen wurde. Zwischen Schlafzimmer, Bad und Küche wurden im ersten Stockwerk die Wände für einen großen Filmsaal entfernt. Bis 1953 wurde dann die Villa als Amerikahaus genutzt.

Im Jahr darauf erhielt Paul Pretzfelder, der Sohn Max Pretzfelders, das Gebäude zurück, verkaufte es aber an die Stadt weiter. Nach einem Umbau wurde die Villa zunächst vom Lastenausgleichsamt genutzt, ab 1969 von den Theaterwerkstätten, schließlich ca. ab 1973 vom Städtischen Tiefbauamt und seit 1987 ist das historische Gebäude – nach zweieinhalbjährigen Restaurierungsarbeiten – zur Stadtgalerie Bamberg ernannt worden.

 

Kunstvolle Außenfassade

Trotz ihrer bewegten Vergangenheit ist die Villa ein eigener Kunstschatz. Voller Anmut präsentiert sich die Außenfassade dem Betrachter. Sie wurde nach dem Vorbild italienischer Renaissancevillen errichtet. Über einem Kellergeschoss und dem Erdgeschoss erhebt sich das erste Stockwerk, die sogenannte Beletage. Bekrönt wird das Bauwerk von einem Mansardengeschoss im Stil des französischen Barocks. Die Villa Dessauer erstrahlt in Manier des Historismus des 19. Jahrhunderts. Die Liebe steckt im Detail der Fassadengestaltung und verrät bei genauerer Betrachtung Einzelheiten über seinen Bauherrn.

So sieht man über den Fenstern des Erdgeschosses angebrachte Schlusssteine, die abwechselnd den Kopf des Herkules mit seiner Löwenkappe und den Kopf wohl der Hebe mit Blätterkopfschmuck zeigen. Sie sollen die ideale Ehe versinnbildlichen. In den Zwickeln des halb oktogonalen Erkers der Südseite liegt auf dem Rundbogen der drei Fenster seitlich je ein Putto auf. Während der eine einen Geldbeutel, Merkurstab und ein geschnürtes Warenpaket bei sich hat, hält der andere wohl den Pyrrhusstab des Bacchus in der Hand. Sie sollen auf den Hopfenhandel des Carl Emanuel Dessauer hinweisen, da Merkur auch als Gott des wirtschaftlichen Treibens und Bacchus als Gott des Genusses fungieren.

Auf der Straßenseite (Ostfassade) der Beletage befindet sich in der Ädikulanische des Risalits die Allegorie des Handels und des Verkehrs im antikisierenden wallenden Gewand mit einem Anker und Warenballen als Attributen. Sie gilt ebenfalls als Verweis auf den Hopfen- und den damit verbundenen Überseehandel des Carl Emanuel Dessauer. In einer ähnlichen Nische der südlichen Gartenfassade steht passend zur Natur die Figur der Flora. Beide Statuen stammen von der Tonwarenfabrik Ernst March & Söhne in Berlin. Über den Fenstern befinden sich nun Hopfenpflanzen, die ein weiteres Mal auf den Beruf Dessauers hinweisen. Die Seiten der Nordfassade ziert je eine Kartusche mit Lorbeerzweigen, in welcher die Initialien CED (Carl Emanuel Dessauer) verewigt sind. 

 

Verborgener Innenschmuck

Der Historismus dominiert auch die Innenarchitektur der Villa. So findet man Elemente aus Renaissance und Barock. Stuckdekorationen und Malereien wurden akzentuiert eingesetzt und sogar Tür- und Fensterknäufe sind in Form von mythologischen Köpfen gestaltet.

Der offizielle Eingang befindet sich auf der Nordseite der Villa, von welchem aus östlich das Herrenzimmer zu betreten ist. Südlich gelangte man in den imposanten atriumähnlichen Vorsaal mit exquisiten Stuckdekorationen und feinen Malereien, der beide Geschosse miteinander verband und dessen Oberlicht den Raum hell erleuchtete. In den 1920er Jahren wurde die Verbindung geschlossen, um zwei Wohnungen aus den beiden Etagen zu gewinnen. Dieser entscheidende Eingriff in die Innenarchitektur verändert den Charakter immens. Vom Vorsaal im Erdgeschoss aus erreicht man den Saal, das Wohnzimmer und das Speisezimmer sowie den Dienstbotentrakt und das Treppenhaus.

Die zur Straße hin repräsentativen Räume (Wohnzimmer, Saal und Herrenzimmer) zeichnen sich durch zentral am Plafond befindliche Stuckrosetten und in diesem Bereich ehemalig befindlichen Malereien aus.

Die Wände und die Decke des Speisezimmers dagegen präsentierten sich in der prächtigsten Ausschmückung durch Stuckelemente, Verkleidungen und Malereien. Heute sind nur noch die Deckengemälde des Erkers zu sehen. Sie zeigen in drei Feldern – in Anlehnung an die Erkerfassade – je zwei geflügelte Putten.

Über eine Schiebetür im Westen gelangt man ins Grünhaus. Durch seinen oktogonalen Grundriss und durch die ehemalige Glas-Eisen-Konstruktion hatte es den Charakter eines Wintergartens. In den 1950ern wurde die Konstruktion abgetragen und durch feste Mauern ersetzt. Zudem entfernte man die Freitreppe in den Garten.

Das Treppenhaus ist ebenfalls reich stuckiert und bemalt. Es verbindet das Erdgeschoss mit der Beletage. Gleichzeitig erreicht man von ihm aus die Toilette mit damals hochmoderner Wasserspülung in beiden Stockwerken. In der unteren Etage befindet sich nördlich des Treppenhauses der Zugang zur Garderobe und darüber im Obergeschoss ein Magdzimmer.

Über das Treppenhaus gelangte man in der Beletage östlich auf die Empore des Vorsaals, von welcher wieder die meisten Zimmer ausgingen. Im ersten Geschoss befanden sich die privaten Räume der Dessauers. Zwischen zwei Schlafzimmern befand sich das Morgenzimmer mit Stuckrosette. Zudem war ein großes Bad mit fließend warmem und kaltem Wasser vorhanden. Eine weitere Tür führte im Westen der Empore in den Dienstbotentrakt.

Der Dienstbotentrakt war im westlichen Teil der Villa untergebracht. Der Eingang für das Personal befand sich im Keller. Ein eigenes Treppenhaus führt heute noch bis ins Mansardengeschoss. Zum Dienstbotentrakt gehörte im Erdgeschoss das Anrichtezimmer, welches auch über den Vorsaal zu betreten war. Im der Beletage erreichte man vom Treppenhaus bzw. der Empore über einen kleinen Gang die Küche und die Speisekammer. Die ungewöhnliche Lage der beiden Räume war wahrscheinlich in der Hochwassergefahr im Haingebiet begründet, um die Lebensmittel zu schützen. Über einen Lastenaufzug konnten die Speisen nach unten in den Anrichteraum transportiert und schließlich im Speisesaal serviert werden. Umgekehrt galt das auch für das benutzte Geschirr, welches über diesen Weg nach oben gefahren wurde.

 

Die Villa Dessauer hat also viel zu erzählen. Vieles zeigt sie an ihrem Außen- und Innenschmuck, anderes bleibt in ihr für immer verborgen.

 

20. April 2020