Allgemeine Informationen

Die Schatzkammer der Wassermanns

Wie ein Reich an Kostbarkeiten erschließt sich die Villa, in der antikes Mobiliar, Gemälde, Graphiken, Schätze aus Glas, Keramik, Metall und anderen edlen Werkstoffen die Räume schmücken. Die Sammlung scheint liebevoll über mehrere Jahre zusammengetragen zu sein und ihr Besitzer war wohl stolz auf jedes einzelne erworbene Stück. Doch so sorgfältig die Objekte zusammengetragen wurden, so jäh hat man sie dem Eigentümer 1938 entwendet.

 

Angelo von Wassermann und seine Erben

Die Rede ist von den Kunstschätzen des jüdischen Bankiers und Antiquitätensammlers Angelo (von) Wassermann (1834-1914). Er wurde 1834 als Sohn von Samuel Amschel (1810-1884) und dessen Ehefrau Caroline (geb. Eger) in Wallerstein geboren. Die Familie siedelte 1850 auf Grund der Geschäftsverlagerung nach Bamberg über. 1877 ließ Angelo Wassermann durch den Architekten Caspar Dennefeld eine Stadtvilla im Maximiliansstil in der Hainstraße 19 in Bamberg erbauen und stattete sie anschließend mit Antiquitäten aus. Er kaufte seine Schätze bei entsprechenden Händlern verschiedenerorts in Europa ein. Aber auch Erbstücke und Geschenke seiner Familie befanden sich unter den Habseligkeiten.

1880 gründeten Angelo und sein Bruder Emil (1842-1911) das Bankhaus A. E. Wassermann in Bamberg. Ihre Erfolge waren bald bekannt und sogar die königliche Hofkasse nahm 1884 von der Bank Anleihen in Anspruch. Das Bankhaus wuchs zu einem großen Familienunternehmen heran und so folgten 1889 eine weitere Filiale in Berlin und Vertretungen in Brüssel und Wien. 1909 ernannte Prinzregent Luitpold die Brüder Wassermann zu Königlichen Hofbankiers und ein Jahr darauf erhielt Angelo sogar das Adelsprädikat von. Im Mai 1914 starb Angelo von Wassermann in Berlin-Charlottenburg.

Die Villa in Bamberg mitsamt Inventar ging zu gleichen Teilen an seine Söhne Max von Wassermann (1863-1934), Kommerzienrat und Bankier der Berliner Filiale, an August Paul von Wassermann (1866-1925), königlich preußischer Medizinalrat und Universitätsprofessor in Berlin, und an Eugen von Wassermann (1870 – 1925), Bankier der Brüsseler Filiale, über. Der jüngste Sohn Angelos starb 1925 kinderlos, sodass nach dem Tod von August Paul, ebenfalls 1925, und dem von Max 1934 deren jeweilige Ehefrauen, Alice und Olga von Wassermann, den Besitz erbten.

 

Die Enteignung

Mit dem Nationalsozialismus setzten auch die Arisierung der Bevölkerung und damit die Enteignung der jüdischen Besitztümer sowie die Judenverfolgung ein. Auch die Familie Wassermann war von dem Schicksal betroffen. Alice von Wassermann wanderte in der 2. Hälfte der 1930er Jahre nach Belgien zu ihrem bereits geflüchteten Sohn Robert aus. Von dort wurde sie allerdings deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet. Ihre Schwägerin Olga von Wassermann ging 1938 mit ihren Kindern in die USA und verkaufte bereits im Dezember 1937 Teile ihres Besitzes. Das Bankhaus in Bamberg ließen die Nationalsozialisten am 1. Januar 1938 zwangsverkaufen. Die Wassermann’sche Villa in der Hainstraße begutachtete schließlich eine kleine Gruppe von Fachleuten am 25. Juli und schlug eine Auswahl von 208 Kunstgegenständen für das Städtische Museum und für die Städtischen Stiftungen vor. Die Stadt erwarb diese Auswahl im Sommer und Herbst 1938 zu geringen Preisen.

 

Entschädigung?

1950 stellten die Kinder von Max und Olga sowie August Paul und Alice einen Wiedergutmachungsantrag für die Zwangsveräußerung der Stadtvilla und der darin ehemals befindlichen Kunstgegenstände. Die Stadt Bamberg versuchte auf dem Verhandlungsweg vergeblich die Sammlung als Dauerleihgabe für das Museum zu behalten. 191 der 208 Schätze wurden am 26. März 1952 an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben, die diese in einem Auktionshaus in Köln versteigern ließen. Einige Objekte waren zu diesem Zeitpunkt leider nicht auffindbar. 1958 meldete Robert von Wassermann erneut Ansprüche zur Rückerstattung der Kunstgegenstände an, woraufhin weitere Objekte im Bürgerspital und im städtischen Altenheim aufgefunden und zurückerstattet wurden. Für die immer noch verschollenen Antiquitäten entrichtete die Stadt eine Ausgleichszahlung.

 

Relikte der Wassermann’schen Schatzkammer

Im Zuge der Provenienzforschung hat sich herausgestellt, dass sich Objekte der Sammlung Wassermann im Besitz der Museen der Stadt Bamberg befinden, die nicht als solche in den Inventaren kenntlich gemacht waren. Für die Restitution nahm die Stadt Kontakt mit den Anwälten von den Erben auf, wobei die Verhandlungen noch bis heute verlaufen. Einige der Objekte können in der Abteilung „Jüdisches in Bamberg“ besichtigt werden. Sie stehen zum einen für den Kunstraub im Nationalsozialismus und zum anderen sind sie auch Erinnerung an die Sammlung des Angelo von Wassermann. Die Vielfalt der Sammlung lässt sich aus Inventarbuch der Stadtvilla ersehen. So erhält man noch heute einen kleinen Einblick in die Schatzkammer der Wassermanns.

 

21. August 2020