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Das Märchen vom weißen Gold

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Selbst die Entwicklung des Porzellans, dem Edelsten unter den Keramiken, klingt wie ein Grimm’sches Märchen. Es erinnert vielleicht den ein oder anderen an die Erzählungen um Schneewittchen, Rumpelstilzchen und Co.

 

Es war einmal…

Das zerbrechliche Gut, welches aus China importiert wurde, wurde von europäischen Fürstinnen und Fürsten begeistert gesammelt und an den Höfen in Wunderkammern oder in Kabinetten ausgestellt. Hauptsächlich Alchimisten versuchten daher, dem Geheimnis der Herstellung dieses keramischen Erzeugnisses auf die Spur zu kommen. Darunter war auch ein Graf, der fest entschlossen war, Porzellan herzustellen. Es sollte so weiß wie Schnee und wasserdicht sein.

 

Der Graf von Tschirnhaus und der Gefangene Böttger

Dieser Graf war der Gelehrte Ehrenfried Walter von Tschirnhaus (1651-1708). Er versuchte schon seit 1675 Porzellan herzustellen, kam aber nur mühsam vorwärts. Ende des 17. Jahrhunderts hatte er sein Geld beinahe aufgebraucht. Daher wollte er seine bisher gewonnenen Erkenntnisse 1701 an Kurfürsten und polnischen König Friedrich August I. (1670-1733), auch bekannt als August der Starke, verkaufen, damit dieser eine Porzellanmanufaktur gründen könne. Doch wegen der Feldzüge und des finanziellen Aufwands, die für die Krönung zum polnischen König nötig waren, war die Dresdner Hofkasse leer. Der Kurfürst hoffte vielmehr auf Johann Friedrich Böttger (1682-1719), einen Apothekerlehrling, der das Land aus dem finanziellen Ruin holen sollte. Er konnte angeblich Gold herstellen, weshalb er 1701 aus Berlin entführt und gefangen genommen wurde. Allerdings scheiterte Böttger an der Goldherstellung und verstrickte sich immer mehr in Lügen. Nach mehreren missglückten Fluchtversuchen wurden ihm 1704 Aufpasser zur Seite gestellt. Darunter auch Tschirnhaus, der dem Kurfürsten riet, besser in Forschung und Produktion von Porzellan zu investieren, da dies erfolgsversprechender wäre als die Goldherstellung. Im Sommer 1706 ließ Friedrich August dann endlich Tschirnhaus auf der Dresdner Festung ein Laboratorium errichten. Der Graf durfte sich dort seiner Porzellanforschung widmen, während er auf Böttger aufpasste, der sich weiterhin mit der Goldherstellung beschäftigen sollte. Doch Böttger nutzte seine Chance und brachte sich in die Herstellung des besagten keramischen Erzeugnisses ein. 1707 entstand rotes Steinzeug, heute bekannt als Böttgersteinzeug oder Jaspisporzellan, welches die Charakteristika von Porzellan bis auf die weiße Farbe erfüllte. Am 15. Januar 1708 war es dann endlich soweit. Böttger stellte nach zwölfstündigem Brand um 5 Uhr nachmittags einen weißen, transparenten Scherben her. Das der Grundmasse beigefügte feuerfeste Kaolin an Stelle des roten Tons war des Rätsels Lösung. Das weiße Gold, wie es fortan auch genannt wurde, war erschaffen. Tschirnhaus starb im Oktober desselben Jahrs. Böttger erkannte wiederum seine Chance und entwickelte die besondere Keramik weiter.

Schließlich wurde am 23. Januar 1710 die erste europäische Porzellanmanufaktur mit dem Patent des Kurfürsten gegründet. Aus Angst vor Spionage wurde die Manufaktur Anfang März 1710 auf die Albrechtsburg in Meißen verlegt, wo sie bis 1865 ihren Sitz hatte. Sie ist die älteste europäische Porzellanmanufaktur und bekannt unter dem Firmennamen Meissen.

 

Und das Ende der Geschichte…

Leider konnte das Geheimnis der Porzellanherstellung nicht lange gewahrt werden und es entstanden durch Abwerbungen von Meißner Arbeitern weitere europäische Manufakturen. Berühmt sind vor allem die Wiener Porzellanmanufaktur (1718), die Porzellanmanufaktur Nymphenburg (1747), die Königliche Porzellanmanufaktur Sèvres (1756) oder auch die Königliche Porzellanmanufaktur Berlin (1763).

 

Tipp: In der Sammlung Ludwig Bamberg im Alten Rathaus sind Porzellanobjekte dieser Manufakturen aus der Barockzeit ausgestellt. Nach der Corona-Pause kann man wieder live die kunstvollen Keramiken besichtigen und noch weitere spannende Geschichten entdecken.

 

8. April 2020